Lenition (lat. lenere = schwächen) bedeutet, daß ein Konsonant ohne Stop des Luftflusses gesprochen wird, d.h. sozusagen behaucht (aspiriert) gesprochen wird. Daher wird Lenition manchmal fälschlicherweise auch Aspiration genannt.
Aspiration (Behauchung) i.e.S. ist allerdings eigtl. eine weitaus schwächere Veränderung des Lautes (ein p bleibt p, auch wenn behaucht gesprochen). Im Deutschen werden Plosive stets behaucht gesprochen. Auch ein klass. griech. ph war nur aspiriert, aber dennoch ein p und kein f (erst später wurde im Griechischen und Lateinischen auch ph wie f ausgesprochen). Bei der irischen Lenition wurde jedoch ein leniertes p stets wie f gesprochen. Daher ist der Begriff Aspiration hier eher falsch.
Das Prinzip der irischen Lenition ist: Ein Plosiv (Stoplaut) wird durch den an entsprechender Stelle im Mund gebildeten Frikativ (Reibelaut) ersetzt.
Hier etwas zur Ursache
der Lenition.
Im grammatischen Sinn betrifft die Lenition den Anfangskonsonanten eines Wortes oder Teilwortes, folgende Konsonanten sind davon unberührt.
Zur Schreibung und Aussprache:
Der lenierte Konsonant wird durch ein folgendes h gekennzeichnet.
(In alter Schreibweise auch nur durch einen Punkt über dem Konsonanten)
Konsonant
leniert
Aussprache
breit
schlank
b
bh
[w], [v]
[v´]
c
ch
[x]
[x´]
d
dh
[γ]
[γ´]
f
fh
[Ø]
[Ø]
g
gh
[γ]
[γ´]
m
mh
[w], [v]
[v´]
p
ph
[f]
[f´]
s
sh
[h]
[h], [x´]
t
th
[h]
[h], [x´]
l, n, r, sowie h, j, v, w, z werden zumindest schriftsprachlich nicht leniert (l, n, r jedoch mündlich in einigen Dialekten)
Zur Aussprache lenierter Konsonanten am Wortanfang:
Breites gh/dh ist ein [γ], ein "stimmhaftes ch", also fast wie ein (ungerolltes) deutsches Zäpfchen-r (z.B. in "Bratpfanne"), schlankes gh/dh wie deutsches j.
In meinem heimatlichen Berlin-Brandenburgischen Dialekt wird g übrigens oft genauso "leniert", z.B. in "ick saghe dir" für "ich sage dir" ("breites gh"), oder "Jurke" für "Gurke" ("schlankes gh"), ähnlich auch im Rheinischen.
dh war ursprünglich gleich dem engl. stimmhaften th [ð] (wie in that). Jetzt wird dh jedoch wie gh ausgesprochen.
th wurde ursprünglich wie engl. stimmloses th [θ] (wie in thing), jetzt jedoch nurmehr wie [h] gesprochen. (D.h. es gibt keine "Lispellaute" mehr im Irischen)
sh und th werden wie [h] ausgesprochen, nur vor langem a,o,u erscheint ein schlankes sh, th als [x´] (wie ch in dt. ich): a Sheáin [ə x´a:n´], a thiocfaidh tú [ə x´u:kə tu:]
bh: [v] und [v´] werden im Gegensatz zum Deutschen bilabial gesprochen. Statt des breiten bilabialen Konsonanten [v] kommt oft der Halbvokal [w] am Wortanfang vor, [v] hingegen vor allem in Munster.
mh führt im Gegensatz zu bh z.T. zu einer Nasalisierung des benachbarten Vokals, sonst sind beide Laute gleich.
f und s sind ohnehin Frikative, daher ist fh völlig stumm, sh wird wie [h] ausgesprochen.
Cadad (Verhinderung der Lenition durch homologe Konsonanten)
Beginnt ein Wort mit einem Konsonanten, der am gleichen (homologen) Bildungsort im Mund gebildet werden, wie der Endkonsonant des vorherigen Wortes, wird Lenition verhindert.
In alten Grammatiken (z.T. aber auch neueren Schriften) wird dieses Phänomen mit dem alten Begriff Cadad (> neuirisch: cadó = Umhüllung) bezeichnet.
Ursache des Phänomens:
Da homologe Konsonanten am gleichen Ort im Mund gebildet werden, lassen sie sich unproblematisch und ohne Aufwand nacheinander sprechen, eine Lenition ist daher zur Sprecherleichterung (ursprüngl. Sinn der Lenition) nicht notwendig. Im Gegenteil könnte durch die Lenition gar eine Sprecherschwernis auftreten, da zunächst der Wechsel von Plosiv zu folg. Frikativ am selben Bildungsort schwer umzusetzen ist, zum anderen manche lenierte Laute heute an anderen Orten im Mund gebildet werden (namentlich th, sh, dh). Dies bedeutet daher unter Umständen einen Mehraufwand für den Sprecher, der vermieden werden soll.
Diese Regel gilt im Standard nicht für attributive Adjektive und definite Substantive im Genitiv, wenn sie nach Substantiven stehen.
Am stärksten beachtet wird die Regel bei den sog. Koronalend, n, t, l, s, nach den betroff. Buchstaben auch als "dentals"-Regel bezeichnet. Insbes. durch die lenierende Artikelform an (fem. Nominativ, mask. Genitiv, Dativ nach einigen Präpositionen) kommt es zur häufigen Anwendung dieser Regel.
Bei den Labialenb, m, p und bei den Velarenc, g spielt diese Regel indes kaum eine nennenswerte Rolle, da diese Laute jeweils seltener in entsprech. Umgebung aufeinanderstoßen und die lenierten Laute weiter am selben Ort gebildet werden.
Hier die einzelnen Konsonantengruppen:
Koronale: d, n, t, l, s:
d, n, t, l, s werden durch die Zungenspitze (Korona) gebildet, daher "Koronale".
d, t, s werden nicht leniert, wenn sie nach Wörtern stehen, die auf d, n, t, l, s enden. (= "dentals"-Regel)
z.B.: don doras = zur Tür (nicht: *don dhoras)
In der Standardgrammatik gilt die dentals-Regel nicht für für attributive Adjektive und definite Substantive im Genitiv.
z.B.: an bhean dheas = die nette Frau
In Connacht und im Standard greift die dentals-Regel auf die Eklipse nach Präposition und Artikel über, d.h. Wörter auf d, t werden nicht ekliptiert nach dem -n des Artikels.
Labiale: b, m, p:
b, m und p werden oft nach Wörtern, die auf -m (seltener auf -b, -p) enden, nicht leniert.
z.B. um bosca = um eine Kiste In Munster wird nach "im" (< "i mo") b, m, p nicht leniert.
z.B.: im poca = in meiner Tasche (Standard: i mo phóca)
Hier wird kurioserweise in solchen Situationen oft [b] gesprochen, wenn m sonst leniert würde (d.h. -m m- wird zu -m b- dissimiliert)
z.B. dom muintir [dəm bin´t´ər´] = zu meinen Leuten (Standard: do mo mhuintir)
Velare: c, g:
c und g werden gelegtl. nicht leniert, wenn sie aufeinanderfolgen.
Stets nicht leniert wird z.B. c und g bei Nachnamen nach den Bestandteilen Mhic, Nic, die sonst Lenition erfordern.
z.B. Bríd Nic Cárthaigh = Bridget MacCarthy, teach Sheáin Mhic Gabhann = Seán MacGowans Haus
Ursprünglich nur nach dem Artikel an, mundartlich aber auch nach einigen anderen Wörtern und Vorsilben, die auf -n enden, erfolgt "statt" Lenition der Wechsel von s- zu ts- (siehe t-Vorsatz)
sc-, sp-, st-, sm-, sf-, spl-, spr-, scl-, scr-, str- bleiben stets unleniert. (Da [h] vor stimmlosen Konsonanten stumm bliebe.)
f:
fh ist stets stumm, daher wird ein mit fh + Vokal beginnendes Wort wie ein Wort mit vokalischem Beginn behandelt: z.B.: m’fhear céile = mein Ehemann (nicht: *mo fhear céile), D’fhoghlaim mé Gaeilge. = Ich lernte Irisch. (nicht: *Fhoghlaim mé Gaeilge)
Dies gilt auch, wenn auf f ein weiterer Konsonant (l, n, r) folgt.
z.B.: D’fhreagair sé an cheist. = Er beantwortete die Frage. (nicht: *Fhreagair sé an cheist, jedoch als Ausnahme Fhliuch sé an tae = Er befeuchtete den Tee.)
Nach gan wird f nie leniert.
z.B.: gan fear = ohne einen Mann
Sollte sich ein Wort mit f durch die Lenition zu stark in der Aussprache verändern und dann nicht mehr erkennbar sein, wird wahlweise auf die Lenition verzichtet.
(So wird das Wort fuisce = Whiskey nie leniert, da es sonst mit uisce = Wasser zusammenfällt: drochfuisce = schlechter Whiskey, drochuisce = schlechtes Wasser)
l, n, r:
in der Schriftsprache werden diese nicht erkennbar leniert.
In gesprochenem Irisch ist jedoch in vielen Dialekten ein Unterschied hörbar: ein Wechsel von gespanntem l, n ([L], [N]) zu laxem l, n ([l], [n])
z.B.: unleniert: an leabhar [ə L´aur] > leniert: mo leabhar [mə l´aur]
(l, n wird nach d, n, t, l, s nicht leniert, s.o. homologe Konsonanten.)
Beim r ist diese Unterscheidung ([r]/[R]) heute unüblich. Es steht am Wortanfang stets breites [r]. In Munster kommt es nun gelegtl. dazu, daß anstelle der Lenition am Wortanfang doch schlankes [r´] vor e, i auftritt: z.B. a rí = König! [ə r´i:] (Vokativ von rí [ri:])
Verwendung der Lenition:
Lenition als grammatisches Mittel betrifft den Wortanfang der:
Substantive:
nach Vokativ-Partikel a: a Cháit! = Kate!, a Sheáin! = John!
feminine Substantive im Nominativ nach Artikel an (außer d, t) bei s: s zu ts (wenn s vor Vokal oder vor l,n,r)
maskuline Substantive im Genitiv nach Artikel an (außer d, t) bei s s zu ts (wenn s vor Vokal oder vor l,n,r)
in unbestimmten Genitiv-Attributen nach femininen Substantiven und nach schwachem Plural (jedoch viele Ausnahmen, mehr dazu siehe unter Genitiv)
nicht durch Artikel bestimmte Substantive und Eigennamen als Genitiv-Attribut (egal ob Bezugswort masc. oder fem.): muintir Cháit = Kates Eltern, stáisiún bhus a trí = die Haltestelle des Busses Nr. 3
Substantive im ("funktionellen Genitiv") (unabhängig davon, ob das Bezugswort masc. oder fem. ist):
z.B. obair bhean an tí = Arbeit der Hausfrau, Lá Fheile Pádraig = St.Padrick’s Day (wörtl. "Tag des Festes des Patrick")
Substantiv-Attribute in zusammengesetzten Wörtern (wenn 2. Teil nicht im Genitiv steht): scian phóca = Taschenmesser
Subst.Sing. nach Zahlen 1-6 (jedoch nicht nach 3-6, wenn Substantiv im Plural folgt) nach aon mundartlich auch s zu ts
nach beirt, dís (Personalzahl 2), nicht jedoch nach triúr etc.!
nach an chéad (der/die erste), nicht jedoch nach an dara, an tríú, etc.!
nach Possessivpronomen mo, do, a (a nur wenn 3.Person Sing. masc. gemeint ist)
nach Präpositionen wenn ohne Artikel ar, ó, do, de, faoi, idir, mar, roimh, thrí, thar, gan (zu Besonderheiten nach ar, idir, gan siehe dort)
nach don, den bei s auch: s zu ts (im Standard und in Connacht nur bei fem. Substantiven
nach sa(n) im Standard, Ulster und Munster (in Connacht stets, in Munster bei f stattdessen Eklipse)
in Ulster stets nach Präposition + Artikel
nach uile ( = alle, ganze)
in Nachnahmen nach Ní, Uí, Mhic, Nic nicht jedoch nach Ó, nur bei einigen Namen (jüngerer Entstehung) nach Mac
Verben:
generell im Präteritum (außer der autonnomen Form), im Imperferkt und Konditional (eigtl. bedingt durch die Partikel do, die Partikel selbst ist heute jedoch meist nur als d’ vor Vokal und fh üblich): bhí sé = er war, chaith sé = er warf, d’fhoghlaim sé = er lernte
nach der Partikel ní und den Präteritum-Verbalpartikel bzw. -Konjunktionen auf -r: ar, gur, nár, níor, murar, sular, ach ar
nach der direkten Relativ-Partikel a (außer tá, deir): an teach a thógfaidh sé = das Haus, das er bauen will
nach má (außer tá, déir)
Verbalnomen nach der Präposition a ("zu") tú a phósadh = dich zu heiraten
Adjektive:
nach einem femininen Substantiv im Nominativ: an bhean mhór = die große Frau
nach einem masculinen Substantiv im Genitiv an fhir mhóir = des großen Mannes
nach Substantiven im schwachen Plural, das auf schlankem Konsonanten endet: na fir mhóra = die großen Männer
nach den Präpositionen mit Artikel den/don/sa und Substantiv: don fhear mhór = dem großen Manne (nach männlichem Substantiv jedoch nicht, wenn auch das Substantiv unleniert bleibt: sa teach mór = im großen Haus)
unmittelbar nach den Zahlen 2-6: z.B. is trí mheasa é = es ist dreimal so schlecht
nach bzw. mit den Zahlen 2-19 und Substantiv im Singular:
z.B.: seacht mbád mhóra = 7 große Boote
nach der Personalzahl beirt und Substantiv:
z.B.: beirt mhac bheaga = 2 kleine Söhne
allgemein:
nach Praefixen: an-mhaith, fíormhór, seancharr etc.
der jeweils zweite Teil bei zusammengesetzten Wörtern
Wörter nach Kopulaformen im Präteritum/Konditional (Grundform ba)
z.B.: ba mhaith liom = ich möchte (v.a. in Ulster, Connacht werden Adjektive mit t, d, s nach ba nicht leniert. z.B.: ba deas, ba te, ba sásta)
déag nach auf Vokal endendem Wort im Singular z.B.: seacht hata dhéag = 17 Hüte
déag nach schwachem Plural auf schlanken Konsonanten (außer cinn): z.B.: trí fir dhéag
déag ist leniert nach dó (nicht aber nach trí, sé, naoi) a dó dhéag = zwölf
einige Wörter sind stets leniert (z.B.: dhá = zwei, bhur = euer, cheana = schon, choíche = immer, chomh = so, chun = zu, ähnlich auch dialektal bei dhuit = zu dir, dhá = zu seinem, wenn, cheithre = vier)
Lenition im Wortinneren und am Wortende
Im Wortinneren (außer bei zusammengesetzten Wörtern am Anfang des zweiten Teilwortes) und am Wortende ist die Lenition im Schriftbild allein aufgrund der histor. Lautentwicklung zu erklären und ohne grammatische Funktion. Die heutige Aussprache ist hier oft sehr unterschiedlich, oft verstummen hier lenierte Konsonanten ganz oder werden zu Vokalen (z.B. abh [au]). Die einstige "Lenition" ist nur noch durch die etymologisch-historische Schreibung sichtbar.